Interview

Dieses Interview führte der freie Redakteur Stephan Brües mit Reynaldo K'akachi im September 2004.

Interview

Frage: Reynaldo, wie bist Du zur Kunst gekommen? Wie hast Du es geschafft, überhaupt studieren zu können?
Antwort: Eine Macht, die über uns steht und die alles geschaffen hat, die wir Illa Tecce (Luz Eterna) nennen, hat es entschieden. Ich fühle mich von Taita Inti (Vater Sonne) bestrahlt und von Pachamama (Mutter Erde) begleitet. Diese Energie spürte ich seit meiner Kindheit. Gefördert hat mich meine Mutter, die mir von dem wenigen Geld, das sie hatte, Papier und Stifte kaufte. Seit meiner Schulzeit habe ich Bilder gemalt – auch für meine Klassenkameraden – und verkauft. Aufträge für Plakate und Schilder kamen dazu und wurden gut bezahlt.

Frage: Du bist in Lima, einer Millionenstadt geboren und aufgewachsen. Trotzdem spielen Deine indianischen Wurzeln, das Dorf Kakachi, in dem Deine Vorfahren lebten, eine große Rolle in Deinem Leben und in Deiner Kunst. Wie kam es dazu und worin äußert sich Deine Aymara-Identität? Worin wird sie sichtbar?
Antwort: Die meisten der nach Lima gekommenen Aymara leben bis heute gemeinsam in einem Stadtteil. Dazu gehören alle, die aus Kakachi gekommen sind, wo die Familie meines Vaters seit vielen Generationen lebte. Die Aymara haben ihre Sprache, ihre Gewohnheiten, ihre Musik und Tänze in Lima weiter gepflegt. Wenn ich mit den anderen bei festlichen Anlässen unsere Siku (traditionelle Panflöte) im Dialog spiele, Munta Kate, die auf einem Tuch ausgebreiteten Speisen aus Mais, Kartoffeln, dicken Bohnen, Ei und getrocknete Kartoffeln, esse und Huajño tanze, bin ich vollkommen zufrieden. Leider habe ich unsere Muttersprache Aymara nicht in der Schule gelernt, kann sie verstehen, aber nur wenig sprechen.

Frage: Während des Kunststudiums hast Du zunächst die Maltechniken der alten europäischen Meister gelernt. Nach und nach hast Du Deinen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt. Kannst Du diesen Entwicklungsprozess beschreiben?
Antwort: Das Kunststudium in der Escuela Nacional de Bellas Artes hat uns gründlich mit europäischer Kunstgeschichte und Techniken vertraut gemacht. Schon in meiner Kindheit spürte ich eine starke innere Energie und Übereinstimmung, wenn ich die von mir gekauften Papierfiguren der Vorinkazeit sorgfältig in mein Album klebte. Ich war neugierig auf die alten Kulturen und Mythen Perus, die ich bis heute studiere. In meiner Kunst verbinden sich diese Elemente meiner Herkunft mit neuen Eindrücken. Mit Sand und Pigmenten auch auf Holz und Steinen zu malen, hatte ich nicht geplant. Pachamama ruft und beschenkt mich.

Frage: Wie bist Du nach Deutschland gekommen und was hat dich veranlasst, überwiegend hier zu leben? Was gefällt Dir an Deutschland?
Antwort: Mit meiner ersten Reise nach Deutschland, zu der mich ein Freund eingeladen hatte, hat sich eine Prophezeiung meines Großvaters erfüllt. Einiges kannte ich seit meiner Kindheit aus Büchern, war beeindruckt und malte europäische Landschaften. Ich liebe hier die Jahreszeiten außer den Winter, weil ich immer friere. In der Erziehung der Kinder entdecke ich Ähnlichkeiten mit meiner Kindheit. Meine Mutter sagte immer: „Du sollst nicht faul sein, du sollst nicht lügen und du sollst nicht stehlen.“ – Es sind Grundregeln der Aymara. Was mir gut gefällt, ist die Vielfalt von Kunst und Kultur aus aller Welt, der ich in Deutschland begegne.

Frage: Wie kommst Du als Grenzgänger zwischen den Welten klar? Als was siehst Du Dich vorrangig: als Peruaner, als Aymara, als Europäer oder als Deutscher? Oder als Weltbürger?
Antwort: Ich habe einen peruanischen Pass, den ich zum Reisen benötige, aber ich werde immer meinen Aymara-Wurzeln verbunden sein. In der Kunst beeinflusst mich auch mein Leben in Deutschland, insofern verstehe ich mich als Brückenbauer zwischen den Welten.